[German] Rede an Abiturienten

Folgende Rede habe ich im Rahmen meines Deutschkurses, Q12, im Jahr 2011  geschrieben. Der adressierte Herr Raoul Schrott ist ein bekannter deutscher Schriftsteller, und  zugleich Teil des imaginären Publikums einer Abiturfeier. Im Jahr 2004 hielt er eine Rede an baden-württembergische Abiturienten. Diese Rede ist eine direkte Replik auf Herr Schrotts damalige Äußerungen.


„Als ich ein Kind war, redete ich, dachte ich, und urteilte ich wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.“

Liebe Damen und Herren, liebe Abiturienten und Abiturientinnen, lieber Herr Schrott,

im Jahr 2004 legten Sie in einer Rede in Saarbrücken Ihre Sicht auf die Generation der damaligen Abiturienten dar. Ich nehme an, dass sich Ihr Blick auf „die Jugend“ – auf uns – nicht grundlegend geändert hat. Sie sahen damals in uns „reine Konsumenten“ und Konformisten, Sie warfen uns das Fehlen von „Identität und Individualität“ vor, und Sie wünschten uns, wie Sie sagten, „das Talent, alt zu werden, ohne dabei erwachsen zu werden“.

Für uns, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, endet hier und heute ein bedeutender Lebensabschnitt, vermutlich sogar der bedeutendste in unserem noch jungen Leben. Ich kann gut verstehen, wenn die eben genannten Vorwürfe den einen oder anderen unter Euch verstimmen – besonders an einem solchen Anlass wie dem heutigen. Doch dies sollte und darf uns nicht davon abhalten, dem Gehörten mit offenen Augen zu begegnen. Der größte Fehler, den wir in dieser Situation, in unserer Zeit, machen können, ist uns gegenüber Kritik zu verschließen.

Herr Schrott, in Ihrer Rede haben Sie uns, und ich spreche hier für die Jugendlichen ganz allgemein, geraten, nicht verschlossen zu werden, uns „die Dinge immer wieder mit unverstelltem Blick vor Augen“ zu führen. Das stimmt, das sollten wir nicht. Doch dann, und hier kann ich nicht mehr mit ihrer Rede übereinstimmen, sagten Sie, wir sollten alt werden, ohne dabei erwachsen zu werden. Gerade so, als stünden sich „erwachsen sein“ – oder allein der Weg dorthin – und ein Gefühl von Identität und Individualität einander entgegen. Sie sagen, es geht nicht darum, was man hat, sondern was man ist, um dieses Offene, alles möglich Machende.

Lieber Herr Schrott, liebe Anwesenden, heute ist vieles möglich gemacht, heute steht uns alles offen. Die Grenzen sind offen, die Märkte sind frei, die Senioren auf der Schulbank, eine Frau im Kanzleramt, ein Mann auf Mond, zivile Protestbewegungen in den Straßen, eine Weltgemeinschaft im Internet – wie viel offener soll unsere Gesellschaft denn sein, wie viel offener kann sie denn noch sein?

Wenn es ein Überangebot an Lehrstellen gibt, die Möglichkeit für jede und jeden, auf dem ersten oder zweiten Bildungsweg einen Schulabschluss zu erreichen, wenn jede Person Zugang zum Gesundheitssystem hat, und wenn niemand mehr in Angst vor Verfolgung oder Diskriminierung leben muss, haben wir dann nicht bereits viel möglich gemacht?

Die Frage, die viele – jung wie alt – in unserer Gesellschaft und offenbar auch Sie, Herr Schrott, beschäftigt ist doch die: Sind wir auf den Weg in schlechtere Zeiten und war, wie Sie sagten, „in den 60er-Jahren“ oder „in den 80ern“ vieles besser, oder schaffen wir es, unsere Gegenwart selbst zu gestalten, hin zu einer besseren Zukunft?

Natürlich gibt es Negativbeispiele, natürlich gibt es weniger positive Aspekte und natürlich lassen sich leicht Mäkel finden. Doch handelt es sich hierbei nicht teilweise auch schlichtweg um mediale Polemik?

Es ist selten und ungewöhnlich, die heutigen Zeiten zu loben, aber wenn wir ehrlich zueinander sind, hätte es uns weitaus schlimmer treffen können. Ein Frieden von mehr als 60 Jahren auf dem europäischen Kontinent, der Fall eines Eisernen Vorhanges, die Eingliederung von fünf Bundesländern, die Integration von Millionen Menschen mit einer anderen Heimat, das Überstehen einer Finanz- und einer Währungskrise – verdient das alles kein Lob? Ist es wirklich zu optimistisch, dies zu loben, zu betonen und darüber auch froh zu sein?

Auch in der zweiten und dritten Welt, in den heißen Wüsten und kalten Steppen dieser Erde, gab es Veränderungen. Nicht überall, und nicht überall gleich gut – aber heißt das gleich, dass sich die Welt „in absehbaren Jahrhunderten auch nicht“ verändern wird? Die Geschwindigkeit unserer Wandlungsfähigkeit zeigt sich in vielen Momenten an vielen Orten dieser Erde: Wenn sich ein Drache erhebt und zur Weltmacht wird, wenn in Indien oder in Südkorea die Technologie der Zukunft entwickelt wird, wenn in den arabischen Ländern die höchsten Wolkenkratzer und die größten Städte entstehen.

Und genau dieser rasante Wandel sollte uns Hoffnung geben – dass nicht jedes Land noch weitere 2000 Jahre brauchen wird, um sich von den Barbaren oder, wie Sie sagten, den „Wölfen“, zur Hightech-Nation zu entwickeln.

Doch nicht nur die Steuereinnahmen, die Firmengewinne und das Verkehrsaufkommen sollen wachsen, auch wir selbst müssen wachsen.

Wachsen, an den neuen Herausforderungen, die ohne Frage nicht schwerer sind, als die, die wir bereits gemeistert haben, sondern allenfalls anders.

Wachsen, dadurch dass wir uns ein Mal mehr vor Augen führen, wie viel wir erreichen können, wenn wir nur wollen.

Wachsen, durch das Übernehmen von Verantwortung in der Gesellschaft.

Denn wie sagt uns schon die Heilige Schrift: „Als ich ein Kind war, redete ich, dachte ich, und urteilte ich wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.“.

Und daher will ich, in Anlehnung an Ihre Schlussworte aus dem Jahr 2004, lieber Herr Schrott, uns allen einen Wunsch mitgeben: „Lasst uns unseren Aufgaben gewachsen fühlen, und dabei jung bleiben. Lasst uns endlich erwachsen und mündig werden.“.

Vielen Dank!


Alle Zitate beziehen sich, falls nicht anders gekennzeichnet, auf:

Schrott, Raoul: Der wölfische Hunger, Rede an Abiturienten. Erschienen in: Gollenstein. 2004

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